Break the SPINE ?

 

Nach über einem Jahr Vorbereitung und dem Start beim Montane SPINE RACE sind Michael und ich nun wieder aus England zurück in Deutschland.

Beim SPINE RACE handelt es sich hierbei um ein 430 km langes Rennen auf dem Pennine Way.

Dieser führt entlang eines Gebirgszuges, den Pennines, von Süden in der Nähe von Manchester nach Norden zur schottischen Grenze.

Zusätzlich müssen während des Laufes circa 12.000 Höhenmeter überwunden werden. Es ist ein nonstop- Rennen, was soviel bedeutet , dass das Rennen relativ frei eingeteilt werden kann, es müssen nur zu vorgegeben Zeitpunkten festgelegte Checkpoints verlassen werden.

Anders als beim Transalpine Race 2013 und dem Marathon des Sables 2015 endete der Lauf diesmal mit einem DNF (did not finished), dazu aber später mehr.

Am 13. Januar 2017 war es endlich so weit. Es ging mit dem Flugzeug von Bremen über Amsterdam nach Manchester.

Auf der Zugfahrt nach Edale lernten wir dann auch schon den ersten „Spiner“, Chris aus Singapur, kennen. Wie wir startete er auch zum ersten Mal, wie wir war er genauso nervös.

Beim Einchecken zog Michael dann gleich das Hauptlos, Komplettcheck der gesamten Ausrüstung.

Während ich nur Rucksack, Handy und Mütze vorzeigen musste, konnte Michael die komplette Pflichtausrüstung aus dem bereits fertig gepackten Rucksack auspacken. Diese besteht bei diesem Lauf aus Rucksack, Schlafsack, Biwaksack, Isomatte, Yaktraks, GPS, Handy, Kartenset, Kompass, Verpflegung mit mindestens 3.000 Kalorien pro Tag, Kocher + Topf, Löffel, Feuerzeug, Gaskartusche, Erste-Hilfe-Set, Entkeimungstabletten, Wasserflaschen, wasserdichte Jacke + Hose, Buff, Schutzbrille, Mütze, Handschuhe, Ersatzsocken, Stirnlampe mit Ersatzbatterien und Powerbank. Da kam Freude auf.

Zusätzlich sollte noch jeder Läufer am folgenden Morgen einen Tracker bekommen, so dass jeder Teilnehmer zu jedem Zeitpunkt lokalisiert werden konnte.

Nach dem Briefing in Edales City Hall und Stärkung in einem Pub ging es für die erste Nacht in das Youth Hostel des Dorfes. Hier teilten wir uns mit Duncan aus Glasgow das 8-Bett Zimmer und hatten eine ruhige Nacht.

Leider meinte es das Wetter in dieser nicht so gut mit uns. Hatte es in den Tagen vorher noch bei Minusgraden stark geschneit, stiegen die Temperaturen in den nächsten Stunden um 5-10 Grad an und es trat starker Dauerregen ein, was uns die erste Etappe verhageln bzw. vermatschen sollte.

Aufgrund dieser Wetteränderung war über Nacht fast der komplette Schnee geschmolzen. Die vorhandenen Trails waren zu Bächen geworden und man musste  sich durch das knie- bis hüfttiefe Moor und durch reißende Bäche den Weg suchen. Jeder Fehltritt hatte immense Kraftaufwendungen zur Folge, einige Läufer legten gleich eine Schwimmeinheit in kompletter Montur ein.

                         

Da die Strecke sowieso nicht ausgeschildert ist und per GPS oder Karte navigiert werden muss, führte dies zu einem erhöhten Zeit- und Kraftaufwand. So ging es bergauf und bergab durch die aufweichte Moorlandschaft. Von dieser konnten wir aber leider nicht viel sehen.

                         

Aus den angestrebten 16-18 Stunden für die ersten knapp 70 km wurden dann 20, was zur Konsequenz hatte, dass am Checkpoint 1 in Hebden Hey nur Zeit zum Essen und zwei Stunden Schlaf war. Die erträumte Dusche und der Kleiderwechsel fielen leider aus.

24 Stunden nach Startzeit musste der CP 1 wieder verlassen werden und es ging mit Tag 2 auf die über 100 km lange Strecke zu CP 2.

Anfangs war der Weg auf den im Moor vorhandenen Granitplatten noch gut zu laufen und man konnte das erste Mal die karge, aber schöne Landschaft genießen.

 

Leider änderte sich dies aber nach einigen Stunden. Wir verließen die moorigen Gebiete und liefen über 35 km auf zu Matsch verwandelte Wiesen.

Diese entweder bergauf rutschtend, ein Schritt vor, zwei zurück, oder bergab schlittertend, wobei wir so oft hinfielen, dass wir eine interne Sturzwertung ins Leben riefen, die Michael klar gewann.

                    

Die Wiesen waren eingerahmt von dutzenden Grenzmauern aus Stein, die überquert werden mussten. Überhaupt müssen über die gesamte Strecke hunderte von Mauern überquert oder Gatter durchschritten werden. Das ist am Anfang kein Problem, wird aber über die Zeit zu einer Strapaze.

Da wir inzwischen schon wieder über 14 Stunden unterwegs waren, trat bei mir die erste „Lauf-Depression“ ein, die mich echt zur Verzweiflung brachte. Die inzwischen wieder eingekehrte Dunkelheit tat ihr übriges. Ich war einfach unglaublich müde!

Ich merkte, dass Erschöpfung und extreme Müdigkeit nicht meine besten Freunde sind. Zum Glück holte Michael mit seiner Erfahrung aus diesem Loch und es ging weiter durch die Nacht.

Kurz vor dem nächsten extremen Anstieg ging aber gar nichts mehr und wir entschieden uns in einem Dorf namens Malham auf einer öffentlichen Toilette für 2 Stunden zu schlafen. Da diese aber nicht gerade sehr einladend war, kam schnell der Entschluss in den Bergen zu biwakieren, was wir im Vorfeld unter „Laborbedingungen“ im Oldenburger Land trainiert hatten.

Schnell war die Isomatte aufgeblasen und wir lagen im Schlaf- und Biwaksack auf der Erde. Es mag für manchen schrecklich klingen, für mich war es ein fast zweistündiges Paradies.

Zum Glück war dieses aber noch nicht für uns bestimmt und so ging es um 2.30 Uhr mit einer Kletterpassage zum CP 1.5 in Malham Tarn.

Bei diesem durfte man zwar nicht schlafen und man wurde nicht mit Essen versorgt, es gab aber immerhin heißes Wasser für Kaffee und Suppe.

Für die folgenden 45 km hatten wir nun 15 Stunden Zeit, was eigentlich sehr komfortabel klang. Nachdem es auch noch hell wurde, trat bei mir ein kleines Hochgefühl ein.

Wir setzten unseren Weg fort und mussten nach einigen Stunden eine Steilwand erklettern. Hier erreichten wir den höchsten Punkt der Etappe, leider blieb uns wieder die Fernsicht versagt.

 

Es war uns eine wunderschöne Landschaft vorhergesagt worden, der typisch englische Nebel hielt sie aber uns verborgen.

Über langezogene Trails ging es weiter Richtung Hawes zum Checkpoint 2.

Im Laufe der folgenden Stunden wurden wir aber immer müder und langsamer und es wurde uns klar, dass es am nächsten Checkpoint wieder keine Dusche, kein Kleiderwechsel und höchstens eine Stunde Schlaf geben würde.

Nach intensivem Austausch und abwängender Diskussion entschieden wir uns dafür den Lauf am CP 2 abzubrechen.

Aufgrund von Müdigkeit und Erschöpfung wurde uns klar, dass wir uns immer mehr in Gefahr bringen würden.

Gesundheit und Sicherheit gehen einfach vor!!!

Sicherlich war es meine bisher schwerste läuferische Entscheidung.

Wir können aber behaupten, dass wir sie nicht bereut haben.

          

Letztendlich bin ich auch stolz darauf, auf diese Art und Weise einmal ein Rennen beenden zu können. Vielleicht wären wir noch ein der zwei Tage weitergekommen, ich möchte mir aber nicht vorstellen unter welchen Bedingungen und Entbehrungen.

Ich für mich habe resümierend festgestellt, dass diese Art von nonstop-Läufen nichts für mich sind.

Ich habe gerade bei den vorherigen langen Laufveranstaltungen, die ja auch fast 300 km lang waren, die Zeiten nach den Tageszieleinläufen genossen.

Man geht gemeinsam Essen, kann duschen, ein paar Stunden schlafen, lernt viele andere Läufer kennen und steht am nächsten Tag wieder einigermaßen frisch gemeinsam am  Start zur nächsten Etappe.

Das SPINE RACE ist bestimmt eine tolle Veranstaltung in schöner Landschaft, aber eben sehr speziell und sehr extrem.

Den letzten Abend verbrachten wir dann mit Duncan, unserem ehemaligen Glasgower Zimmerkameraden der ersten Nacht, in einem Pub in Hawes.

Er war wie wir auch am CP 2 ausgestiegen und wir hatten abschließend noch eine Menge Spaß.

 

Insgesamt sind nur 63 von 118 Startern im Ziel angekommen, gerade einmal 53 Prozent, immerhin ein kleiner Trost…

 

Bei einem bin ich mir ziemlich sicher, meine nächste mehrtägige Laufveranstaltung im Ultrabereich findet bestimmt südlich der Alpen statt!

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