Hossa, hossa – Hamburg Triathlon im Zeichen von Schlagermove und Helene Fischer

Schlagermove formiert sich an den Hamburger Landungsbrücken

Irgendwer in Hamburg muss Humor haben.

So richtig viel davon, nich. Soviel Humor, dass er es zulässt, dass gut zehntausend Triathleten inklusive WM-Teilnehmer, sechzigtausend Helene Fischer Fans (ja, man glaubt es nicht, gell) und eine halbe Million sonstige Schlagerfans am selben Wochenende das Zentrum der Stadt eigentlich unbewohnbar machen. Immerhin hat man aber auch dafür gesorgt, dass die Häuser dort ungemein schalldichte Fenster haben.

Vorgeplänkel

Aber von Anfang an. Vor meinem diesjährigen Start in der Hansestadt hat irgendeine bösartige Fee (ich hab‘s diesmal mit Spökenkiekerei, zugegeben) dafür gesorgt, dass in der Aufbruchshektik meine Börse in Oldenburg liegenblieb. Darin unter anderem: Mein Personalausweis und mein Startpass. Ersteren brauche ich aber, um meine Startunterlagen abzuholen, letzteren, um nicht extra eine kostenpflichtige Tageslizenz lösen zu müssen. Tatsächlich lassen sich die örtlichen Büttel der World Triathlon Corporation durch nichts erweichen – ein Lichtbildausweis muss her, oder nix is mit dem Vollbad in der Binnenalster, dem Fahrtwind auf der Elbchaussee und dem Gehoppel über den blauen Teppich.
Also wird die Schwester mobilisiert, die in Oldenburg den Zweitschlüssel auftreibt, das Portmonee findet und Fotos von den Dokumenten gen Hamburg mailt, wo ich sie auf dem Tablet der Gattin den nun freundlicher guckenden Ironman-Statthalterinnen vorzeige und den begehrten Umschlag mit Startnummer, Transponder und Badekappe bekomme. Und natürlich den Gutschein für die Pasta-Party am Samstag, die diesmal im Vapiano stattfindet. Es gibt ein Tellerlein Nudeln wahlweise Al Pesto, Al Pomodoro oder Alla Bolognese. Dazu das obligate Erdinger. Auch inklusive: Der Blick auf den von Flaneuren und Triathleten belebten Gänsemarkt samt Sportler-Zeltstadt aus dem 1. Stock. Schon schick.
Aber um genügend Energie für die fast drei Stunden Wettkampf morgen zu bunkern, muss mehr her. Also besorgen wir noch eine Stange Pumpernickel und Bavaria Blue, was ich zur Hälfte vertilge. Um sechs bin ich wach, um sieben fertig mit Frühstück, um halb acht am Ballindamm, wo alle viertausend Starter des Tages ihre Räder an zwei parallelen Gassen in kleiderstangenartige Gestelle einzuhängen haben.

Auf gehts

Ich stehe in Abschnitt O, der ist am dem HBF zugewandten Ende der etwa 500 Meter langen Straße. Das hat den Vorteil, dass ich es nachher nicht weit zum Startstrich habe, an dem ich in den Sattel steigen darf. Ich habe es zwar vom Schwimmausstieg am Rathausmarkt im Neoprenanzug weiter bis hierher, aber muss dafür das Rad nicht so lange schieben. So, meinen neuen bunten Einteiler habe ich schon an (der hat einen Eingriff, also brauche ich ihn für den obligaten Besuch auf dem nur zehn Meter entfernten Dixi nicht auszuziehen, sehr angenehm). Nun noch den Neo drüber, Schwimmbrille umhängen – aber wo ist die verdammte Veranstalter-providete (O-Ton meines Fahrradnachbarn) Badekappe? Versehentlich unterm Neo mit angezogen? Negativ. Neo wieder anziehen, der Nachbar hilft. Sie findet sich dann in der gelben Utensilienbox, auch veranstalterprovided, wo ich sie mit den zum in die Gummibeine Reingleiten genutzten Plastiktüten gepfeffert habe. Hurra.
Wo ist die verdammte Reißleine – ich will doch losrennen!

Strampeln

Nun gemeinsam mit meinem neuen wortgewandten IT-Freund aus dem SAP-Umfeld („Ich schwimme ohne Neo, weil ich da nicht mehr reinpasse“) zum Jungfernstieg traben, runter in den U-Bahntunnel, rauf auf den Jungfernstieg. Noch eine Viertelstunde bis zum Start. Die Aufwärmgymnastik haben wir knapp verpasst, schade. Schnell noch ein Isogetränk schlürfen, dann mein obligater Pre-Race-Kopfstand (leider kein Bild), und ab in die braunen Alsterfluten. Man sieht nicht mal die eigenen Beine. Seit halb sieben haben sich alle zehn Minuten 150 Starter in diese Brühe geworfen, wir müssten also die dreizehnte Gruppe sein. Nach der Hektik der letzten Tage bin ich jetzt völlig tiefenentspannt. Ich war dieses Jahr ziemlich genau ein Dutzend mal schwimmen, erwarte also keine Wunder. Es geht aber auch nix schief, die Brille sitzt dieses Jahr ebenso gut wie Badekappe und Anzüge und schon 31 Minuten später klettere ich den blauen Teppich Richtung blauer Himmel Richtung Rathaus wieder hoch.
Ab auf die Radstrecke Richtung Tunnel

Treten

Sechs Minuten später sitze ich auf dem Rad und da ja immer irgendwas nicht klappt, läuft mir die Kette auf der zweiten Runde ab. Anhalten. Kette rausfummeln. Zum Glück klemmt sie nicht zu doll. Mit schwarzen Pfoten weiter. Auf Runde drei passierts nochmal. Jetzt habe ich ja schon Übung. Schuhe ausklinken. Anhalten. Rausfummeln. Mit noch schwärzeren Pranken weiter. Trotzdem persönlicher Streckenrekord: Eine Stunde acht Minuten für die vierzig Kilometer. Schnitt von etwa 36 km/h.
Nur noch 2 Kilometer

Trappeln

Tja, die Laufstrecke beginnt quasi sofort: Ich renne den halben Kilometer durch die Wechselzone an gefühlt Hunderten Teilnehmern vorbei, die grade ihre Räder bringen oder mit der schwarzen Pelle kämpfen und biege auf die Laufstrecke an der Binnenalster. Der rechte Fuß fühlt sich vorn merkwürdig kühl an. Ist die Schuhsohle etwa durch? Stehen bleiben, Schuh ausziehen, Einlage rausholen – nee, nix drin. Wohl nur Taubheit vom Barfußradeln. Weiter. Bis zum oberen Ende der Außenalster, dann wenden. Bei Kilometer 8 stehen Cheerleader und turnen aufeinander rum, mal was Neues in Hamburg. Kurz vorm Ziel stehen noch mehr und wedeln mit Puscheln. Da merke ich, es reicht tatsächlich für eine neue Bestzeit in Hamburg – eine Minute schneller als im Vorjahr mit 2:43:33. Und neun Minuten schneller als bei meinem Debüt in Hamburg im Jahr 2010.
Bestzeit winkt!

Relaxen

Am Ziel stoppt mich die Fotografin und macht unaufgefordert eine Fotosession mit mir. Unglaublich. Ich bin glücklich. Dann in die Athletenzone, Erdinger trinken, duschen, Medaille gravieren lassen, massiert werden, stadtfein machen und dann zum Mittagessen ins VLET in den Alsterarkaden, von wo wir uns nach einem leckeren Mittagessen entspannt noch die Staffel-WM anschauen. Da sitzt man draußen auf einem schaukelnden Ponton, gegenüber die Fanmassen auf den Treppen und im Hintergrund das Rathaus. Wie ein Logenplatz im Stadion.
Zufrieden mit breitem Grinsen im Ziel

Die Staffel-Profis

Pünktlich um halb drei stürzen sich die 22 Profis von A wie Australien bis U wie Ukraine ins Wasser und ziehen in 50 Meter Entfernung an uns vorbei. Da sie nur 300 Meter zu schwimmen haben, tauchen sie im Handumdrehen wieder unter der Reesendammbrücke wieder auf. Und da jede Staffel aus 2 Männern und 2 Frauen besteht, erleben wir das Schauspiel noch ein paar Mal – nur dann sozusagen im Schweinsgalopp statt als Synchronstart. Das führt zu wunderschönen Hechtsprüngen, und für die bin ich hergekommen. Klasse Schauspiel. Das ZDF hat’s festgehalten, praktisch aus der gleichen Perspektive wie unserer (ab ca. Min 22):
Ebenso wie das schöne dreiminütige
Streckenplan Hamburg Tri 2018

Statistik

Der schnellste Teilnehmer war nach 1:53 Stunden am Ziel, der schnellste Starter meiner Altersklasse M55 nach 2:15 Stunden, der letzte der M55 nach gut vier Stunden. Der allerletzte Teilnehmer nach fünf Stunden – aber der muss eine gravierende Radpanne gehabt haben.
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